Fangkörpersitze – eine Alternative ?

Fangkörpersitz 

„ Ach, ich hab mir einen Fangkörpersitz gekauft, der ist doch vom ADAC als sicher getestet worden!“

Zugegebenermaßen löst dieser Satz in meinem Magen ein Grummeln aus, das ich gerne mit einem Satz begründen würde, doch so einfach ist die Sache leider nicht.

Die wichtigsten Dokumente sind hierbei die Studien der UNECE – GRSP „ A Study on Shield Systems“ anzusehen, die 2014 vorgestellt wurde. Die zusammenfassenden Ergebnisse sind unter folgenden Links einsehbar.

https://www.unece.org/fileadmin/DAM/trans/doc/2014/wp29grsp/GRSP-55-39e.pdf

(Frontalcrashtests)

https://www.unece.org/fileadmin/DAM/trans/doc/2012/wp29grsp/GRSP-52-12e.pdf

(Überschlagscrashtest)

Wer ist die UNECE – GRSP?

Die UNECE ist die Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen, dessen Arbeitsgruppe für passive Sicherheit (GRSP) z.B. für die Normen der Kindersitzzulassung zuständig ist.

http://www.unece.org/trans/main/wp29/meeting_docs_grsp.html

Warum wurden die Tests durchgeführt?

Hintergrund der Untersuchungen war, dass Fangkörpersitze bei den Verbrauchertests des ADACs oder der Stiftung Warentest mit sehr guten Sicherheitsbewertungen bewertet wurden. Beim Euro NCAP wurde allerdings von keinem Autohersteller ein Kindersitz mit Fangkörper gewählt.

–> Exkurs Euro NCAP

Der Euro NCAP ist ein Bewertungsprogramm für Neuzulassungen in Europa. Die PKWs werden in verschiedenen Crashtests auf deren Sicherheit geprüft. Auch auf die Kindersicherheit wird Bezug genommen. Zum Einsatz kommen bei einem Frontalunfall mit 64 km/h und 40% Überdeckung zwei Kinderdummys, die einem 1,5 – und 3-jährigen Kind entsprechen. Der Autohersteller (OEM) darf selber entscheiden, welcher Kindersitz verwendet wird.

Wie wurde nun getestet (Frontalunfall) ?

Größter Unterschied zum ADAC Test sind die Prüfbedingungen, die eben nun Euro NCAP ähneln.

Die Fangkörpersitze wurden in Autos verwendet, die zuvor beim Euro NCAP auch im Bereich Kindersicherheit sehr gut abgeschnitten haben. Beim ADAC/StiWa wird lediglich ein Schlitten verwendet, auf dem eine halb offene Golf 6 (ab 2015 Golf 7) Karosserie angebracht ist. In beiden Fällen beträgt zwar die Geschwindigkeit 64km/h und der „Wumps“ ist vergleichbar. Doch im Falle der Tests der GRSP fuhren eben „ganze“ Autos gegen ein Hindernis, das vorne die Karosserie zu 40% überdeckt. Alternativ wurden zwei Autos verwendet, die aufeinanderprallen („car to car tests“). Auch deren „Wumps“ ist vergleichbar zum Euro NCAP.

Unterschiede gab es auch bei der Verwendung der Dummys (verschiedene Altersgrößen) und den Messungen (z.B. Kontakt zwischen Auto und Karosserie)

 

Was ist nun passiert?

Wenn man sich das folgende Video eines Frontalaufpralls mit 64km/h auf eine deformierbare Barriere mit 40% Überdeckung anschaut, dann erkennt man, dass ein Auto nach dem Aufprall in eine Richtung „zurückspringt“.

https://www.youtube.com/watch?v=1sZryXEUz64 (Erster Versuchsaufbau – Video dient als Beispiel)

Es wurden mehrere Autos getestet und unter anderem wurden zum Teil die Dummys bei diesem Rückprall aus dem Sitz geschleudert. Die Dummys hatten mit dem Kopf Kontakt zur Karosserie. Auch im Erwachsenenschutz ist ein Kontakt zwischen Mensch und Karosserie zu vermeiden, da dies meist schwerwiegende Verletzungen mit sich zieht. Die Bilder in dem Dokument zum Frontalcrash zeigen Details, jedoch nicht von allen durchgeführten Versuchen. Es gab auch Versuche, bei denen kein Kind aus den Sitz geschleudert wurde.

Die Bauchbelastungen wurden gemessen und festgestellt, dass sie das 2-3 fache einer vorläufig angenommenen Grenze überschreiten.

 

Was wurde bezüglich des Überschlagsunfalles getestet?

https://www.unece.org/fileadmin/DAM/trans/doc/2012/wp29grsp/GRSP-52-12e.pdf

(Überschlagscrashtest)

so oder so ähnlich kann das dann aussehen..

Bevor ein Kindersitz der Gruppe 1 zugelassen werden darf, wird er auch getestet, ob das Kind bei einem Überschlagsunfall geschützt ist. Dazu setzt man den Dummy in den Sitz und dreht diesen in einer Vorrichtung um 360 Grad mit einer bestimmten Geschwindigkeit. Bewegt sich der Dummy dann nicht mehr als 300mm aus dem Sitz, so ist die Prüfung bestanden. (ECE 44/04 Zulassung)

Nun wurde allerdings wieder ein „echtes“ Auto verwendet und die Prüfbedingungen verändert. Das Auto überschlägt sich – nachdem es bei 47km/h „angeschubst“ wurde – eben mehrmals als bei der Zulassung. Auch hier wird der Dummy aus den Fangkörpersitzen geschleudert.

 

Wieso stuft sie der ADAC – Test dann trotzdem als empfehlenswert ein?

  1. Einfacher Einbau

Der ADAC bewertet zurecht den Einbau. Rund 60% der Kindersitze sind nicht richtig gesichert, laut den Misuse Studien der UDV.

http://udv.de/de/publikationen/unfallforschung-kompakt/fehlerhafte-nutzung-kinderschutzsystemen-eine-beobachtungsstudie-2008

Ein falsch gesicherter Kindersitz bietet unter Umständen gar keinen Schutz mehr. Gerade bei vorwärts gerichteten Kindersitzen der Gruppe 1 mit internem 5 Punkt Gurt ohne Isofix ( im Volksmund „normaler Kindersitz“), kann eine doppelte Gurtlose erzeugt werden. Das bedeutet, dass der Kindersitz zuerst mit dem Auto sehr locker verbunden wird und das Kind ebenfalls mit dem Kindersitz. Das heißt, bis eine Rückhaltung des Kindes einsetzt, muss als erstes der Autogurt gestrafft werden und dann die Gurte des Kindersitzes. In dieser Zeit wird das Kind allerdings noch beschleunigt und wird erst spät mit einer erhöhten Belastung zurückgehalten. Das Risiko steigt zudem, dass das Kind mit dem Kopf gegen den Vordersitz aufschlägt, da eine erhöhte Vorverlagerung möglich ist. Die Gurtführung bei diesen Sitzen kann ebenfalls schwieriger sein, so dass ein falsches Einfädeln eher wahrscheinlich ist. Fangköpersitze haben meist eine sehr einfache Gurtführung und es kann „nur“ eine Gurtlose entstehen.

  1. Geringere Hals- und Genickbelastungen

Die Fangkörpersitze erreichen eine geringere Belastung am Genick auf, als Vorwärtssitze mit 5 Punkt Gurt. Bei ersteren ist es möglich, dass der Oberkörper zumindest bis zum Fangkörpertisch mit abrollt. Im 5 Punkt Gurt Sitz ist es so, dass der Oberkörper bis zu den Schultern zurückgehalten und der schwere Kopf alleine nach vorne geschleudert wird.

  1. Nicht bewertete Bauchbelastungen

Die Bauchbelastungen werden in allen Tests noch nicht bewertet. Die alten P – Dummys, die auch zur Zulassung nach ECE 44/04 eingesetzt werden, haben keine Sensoren im Bauchraum, die einen Druck messen könnten. Die neuen Q – Dummys besitzen welche, doch es ist noch kein Grenzwert festgelegt, bei dem man von schweren Verletzungen ausgehen kann.

  1. Realität vs. Test

In der Realität wurde bisher noch kein Kind bei einem Frontalunfall aus einem Fangkörpersitz geschleudert. Das liegt daran, dass die Dummys nur ein technisches Modell eines kindlichen Körpers sind. So muss man Annäherungen treffen für die Konstruktion eines Dummys. Diese können eben Effekte auslösen, die bei einem „echten“ Kind nicht zu erwarten sind.

Ein Überschlagsunfall wird bei den regelmäßigen ADAC – Kindersitztest nicht durchgeführt, da dieser sich relativ selten ereignet.

 

Interessant sind weitere Bewertungen:

–          Die Grafik der Stiftung Warentest von 2007 zeigt die Nackenbelastungen der Systeme „Reboarder, 5 Punkt Gurt und Fangkörper“ im Vergleich. Während der Reboarder um die 50kg Belastung erzeugt, sind es beim Fangkörper um die 200 kg. Der Sitz mit dem 5 Punkt Gurt vorwärts zeigt sogar welche bis 250kg.

Schwere Verletzungen, wie einem Genickbruch bei einem 3 – jährigen muss man bei 122kg erwarten. Das heißt, auch die Fangkörpersitze senken die Kräfte nicht unter die kritischen Werte.

Kräftebelastung Kindersitz

Vergleich der Stiftung Warentest

–          Die amerikanische Ärzte Organisation AAP warnt vor Fangkörpersitzen für kleine Kinder unter 2 Jahre, da diese mit dem Gesicht auf dem Fangtisch aufschlagen können. Sie sind zu klein, um abzurollen.

http://www.rockwallpediatrics.com/pdfs/CarSeatFAQAAP.pdf

–          Beim schwedischen Verbrauchertest von Folksam  wurden 2015 Fangkörpersitze auf Grund dieser Studien der GRSP zum Testverlierer.

http://www.folksam.se/media/Report_in_English_Test_of_CSRs_2015_tcm5-22938.pdf

–          http://www.maxi-cosi.com/car-seats/car-seat-safety/car-seat-safety-technology/5-point-harness-car-seats/car-seat-shield-system.aspx

  • Aktuelles Testergebnis (2016/08) von Testfakta (Schweden).
    Auch in diesem Video ist zu sehen, dass der Dummy im Fangkörpersitz mit dem Gesicht auf dem Fangtisch aufschlägt. Anhand den Messwerten sieht man, dass dieser im Frontalunfall den Grenzwert um ein Vielfaches überschreitet. http://www.testfakta.se/tester/f%C3%B6r%C3%A4ldrar-och-barn/bilbarnstolar-skyddar-olika-bra

FAZIT:

Bevor natürlich gar kein Sitz oder ein falsch eingebauter Sitz verwendet wird ist ein Fangkörpersitz eine gute Wahl. Will man allerdings die bestmögliche Sicherheit, so bleibt in dieser Sitzkategorie ab 9kg nur ein Reboarder. Es ist aktuell nicht klar, ob nun ein vorwärtsgerichter Sitz mit 5 Punkt Gurt oder Fangkörper nun besser ist.

Fangkörpersitze haben fragliche Bauchbelastungen, zu hohe Nackenkräfte und das Risiko, dass das Kind sich zu weit aus dem Sitz bewegt.

Setzt euch lieber auf den Hintern und baut den Reboarder richtig ein ;-)!

 

P.S. Manch Fangkörpersitz hat eine Flugzulassung – dort sind sie besser als gar kein System oder den Loop Belt am Schoss der Eltern auf jedenfall zu bevorzugen!

6 Gedanken zu „Fangkörpersitze – eine Alternative ?

  • Hallo,
    was mir bei dem Video als erstes aufgefallen ist. Das Kind im Fangkörpersitz sitzt viel zu locker und das im 5Pkt zu fest. Also genau das Gegenteil der Realität.
    Ich habe unsere Kinder mit 1,5Jahre (also dem Mindestalter) in Fangkörpersitzen (Cybex) untergebracht und da ruckelt nix. Das Kind sitzt fest, bewegt sich weder hoch noch runter oder links/rechts. Keine Ahnung, was die in dem Video hier gemacht haben, also Fail 1.
    Damit ein Kind so fest in einem 5Pkt sitzt, bekommt es wahrscheinlich eher keine Luft mehr. Damit sich das Kind so wenig im Sitz bewegt, müsste man es so fest anzurren, wie einen Erwachsenen beim Rennsport, da bewegt sich der Körper auch nicht mehr im Sitz. Und jeder, der sowas schon durch hat weiss, so kann man kein Kind festzurren. Die kleinen Körper würde ich auf keinen Fall derartigen Zurrkräften aussetzten, da sie noch nicht ausreichend Körperspannung besitzen, Schäden der Wirbelsäule dürften zu erwarten sein, also Fail 2. Hinzu kommt, dass die Kräfte bei einem Unfall immer nur von den relativ kleinen Flächen des Gurtes aufgenommen werden. Jeder der einen ordentlichen Unfall schon hinter sich hat, kennt die blauen Flecken vom Gurt. Da würde sich jeder einen Fangkörper wünschen, der die Kräfte grossflächig verteilt.
    Lange Rede kurzer Sinn. Auf mich wirkt das Video inszeniert und fernab der Realität. Für die Kleinsten sind Reboarder das Beste, da geh ich mit. Sobald aber der Wechsel ansteht, gibt es für mich nur eine logische Wahl: Fangkörpersitz und zwar ein ordentlicher. Der aus dem Video machte mir nicht den besten Eindruck.
    VG J.B.

    • Hallo,

      Zum Thema müssen sie wissen, dass sämtliche Crashtests mit einem sogenannten Standard Slack durchgeführt werden. Das heißt, egal ob 5 Pkt Gurt vorwärts/rückwärts oder mit Fangkörper – es wird immer eine kleine Gurtlose miteingebaut, die den leider doch öfters sorglosen Verbraucher widerspiegelt. Dicke Jacken, falsche Gurteinstellung, verdrehen des Gurtes, lascher Gurt sollte natürlich in jedem Sitz vermieden werden. Allerdings selbst da fängt ein Reboarder diese
      Fehler am besten auf, da die Hauptschutzwirkung nicht durch die Gurte sondern durch die Sitzschale abgefangen wird. (Übrigens kann ich zwischen meinem Kind und Gurt circa 1-2 Finger darunter schieben und er mosert nicht;-) ) Der getestete Sitz ist ein „gängiges Modell“ am Markt.

      Es gibt Reboarder, die bis 25kg und Oberteilgröße 128 passen. Danach kann das Kind – wenn es 4 Jahre alt ist, mehr als 15kg wiegt und die geistige Reife besitzt stillzusitzen auch in einen Gruppe 2/3 Sitz wechseln.

      Wie das in der Realität funktioniert können sie in der Facebook Gruppe „Reboard – Unsere Kinder fahren rückwärts“ erkennen. Alternativ können Sie dies auch über den Verein Reboard Kindersitze e.V erfragen.

    • Achso ja zum Thema, ein enger 5 Pkt Gurt vorwärts (!) verursacht Zurrkräfte. Ja das passiert ja im Prinzip auch: der Oberkörper bleibt zurück und der Kopf schleudert alleine nach vorne, mit den entsprechenden Belastungen auf Nacken und Hals. (Wenn die Gurte übrigens zu locker werden ist das auch nicht gut)

      Und ja man wünscht sich beim Unfall ne großflächige Verteilung der Kräfte. Das passiert ja beim Reboarder: von Kopf bis Steiß wird das Kind in den Sitz gedrückt.
      Das ist mehr Fläche als ein Fangkörper, der nur in den Bauch drückt und der Kopf wird ebenfalls nicht nach vorne geschleudert.

  • Ich lese das hier alles, und beschäftige mich ständig mit dem Thema, den man will selbstverständlich das sicherste und beste für seine Kinder. Doch eine Frage bleibt mir da wir sprechen immer von einem Frontalzusammenstoß, hier stellt sich bei mir die Frage wie verhält sich der Reboarder wenn mir mit 70kmh einer hinten rein fährt??? Da dreht sich der ganze Spieß doch um, oder liege ich falsch? Wir persönlich benutzen den Fangkörpersitz den diese wurde uns empfohlen, doch wie schon erwähnt man lernt nie aus… Doch bleibt mir diese Frage

    • Hallo,

      Berechtigte Frage.
      Dazu muss man allerdings wissen, dass ein Frontal oder Seitenunfall in der Regel verherrender ist als ein Heckunfall.

      Rund 70% aller Unfälle bei denen es schwer und tödlich Verletzte gibt, kommen von vorne, nur circa 5% sind Heckunfälle.

      Wieso muss man dann Babyschalen rückwärts installieren?
      Wieso ist in der neuen r129 Norm ( I Size ) nun bis mind. 15 Monate rückwärts fahren verpflichtet?

      Ich habe zum Thema Heckunfall folgendes Video gedreht:

      http://sinneswert.de/reboarder-in-einem-heckunfall/

  • Melanie damit dieselben Kräfte wirken wie bei einem Frontal Unfall müssten beide Unfallautos rückwärts fahren und das in derselben Geschwindigkeit wie vorwärts. Fährt ein Auto hinten auf wirken aber viel geringere Kräfte da ja beide in dieselbe Richtung fahren.

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